Donnerstag, 6. September 2012

ADS / ADHS


Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema ADHS/ADS. In unserer Familie sind mehrere Mitglieder betroffen, und auch ich selbst habe eine Diagnose.

Ich bin ehrenamtlich eingebunden, in „meinem“ Verein Springer für Notfälle, Forenmitglied mit erweiterten Berechtigungen, war Elternbeirat und Vorstand an der ersten und bisher einzigen Schule Deutschlands für ADHS’ler,  gehöre zu den Urgesteinen dieses Projekts, wir haben bei zwei (seriösen)  TV-Dokumentationen mitgemacht, sprich: ADS/ADHS ist quasi mein zweiter Vorname.

Leider muss ich feststellen, dass trotz aller Aufklärungsarbeit und seriöser Forschung in den letzten zehn Jahren eher ein Rückschritt als eine Verbesserung eingetreten ist. Die Themen wiederholen sich nach wie vor (angebliche Fehldiagnosen, angebliches Ruhigstellen mit Drogen, Erziehungsunfähigkeit, blablabla). Immer stärker drängen Gruppen oder „Spezialisten“ auf den Markt, die vor allem eines wollen: Geld verdienen. Je schwieriger das Schulleben für betroffene Kinder wird – und das wird es, denn selbst die geringste Abweichung von eng gesetzten Normen gilt heutzutage als Auffälligkeit und wird sofort reklamiert, teilweise bereits im Kindergarten – desto größer wird der Druck auf Eltern. Es ist völlig verständlich, dass diese in ihrer Verzweiflung alles versuchen, ihr Kind „passend“ zu machen, und natürlich fängt man zunächst mit harmlosen Dingen an.

Wenn aber Ergotherapie, Konzentrationstraining bei irgendwelchen „Beratern“, merkwürdige Nahrungsergänzungspillen und der Heilpraktiker keine deutliche Besserung bringen, und eine korrekte Diagnostik – NICHT innerhalb von einer Stunde – durchgeführt wurde, dann sollte man endlich eine Behandlung jenseits von netten Versprechungen anstreben. Das muss nicht immer zur Gabe von Medikamenten führen, aber wenn diese indiziert sind, lohnt es sich, sich fern jeder Ideologie zu informieren. Ebenso sollte eine Verhaltenstherapie bei einer Fachkraft (Kinderpsychologie, Kinderpsychiatrie) durchgeführt werden, am besten mit Spezialisierung auf ADS/ADHS. Leider gibt es viel zu wenige Fachleute, ich kenne aus eigener Erfahrung und aus meinem Umfeld viele Fälle von Fehldiagnosen und falscher Behandlung. Eine systemische Familientherapie ist eben bei ADHS nicht die erste Wahl, aber wenn man bei einem Systemiker landet, kann es passieren, dass man zwei Jahre lang sein tiefenpsychologisches Verhältnis zu Mann und Kind analysiert, das betroffene Kind aber komischerweise trotzdem mit seinem ADHS nicht besser klarkommt.

Das gefällt aber weder „Lerntherapeuten“, die oft nur Kindergartenerzieher mit Wochenendweiterbildung sind, noch dem Ponyhof, der für einen irren Preis therapeutisches Reiten als Allheilmittel anpreist, noch den Verkäufern von Vitaminen, Fischölen, Algen, Homöopathika, schrillen Buchautoren  und sektenähnlichen Heilsversprechern.

Es geht um Geld, und mit den Sorgen der Eltern lässt sich viel verdienen.

Ich habe in den letzten Monaten dazu sehr erschreckende Dinge miterlebt. Plötzlich war ich Zielscheibe von Angriffen, mit denen ich so nicht gerechnet habe, und ich habe Dinge gesehen, die mich sehr entsetzt haben.  Zeitweise habe ich mich komplett zurückgezogen, und sogar meinem Verein angekündigt, dass ich aussteige. Nachdem ich mich jetzt aber weitgehend von den Vorfällen erholt habe, kremple ich wieder die Ärmel hoch. Es kann nicht sein, dass unseriöse Menschen und Gruppierungen hilfesuchende Menschen und deren Kinder ausnutzen und teilweise richtig kaputtmachen.  


Kommentare:

Mella hat gesagt…

oha, das hört sich aber schlecht an. Solche Idioten gibt es leider zu Genüge

Übrigens es gibt in Deutschland schon mehrere Schulen, die sich auf ADHS und ADS spezialisiert haben - wie auch auf der, bei der wir sind.

Drücke Dir die Daumen und was nun?

LG Mella

Sylvia hat gesagt…

Ja, Mella, es gibt zum Glück mehrere Schulen, die gut auf ADHS'ler eingestellt sind. Die HEBO-Schule von Hans Biegert (ein toller Typ - seine Vorträge sind klasse !) zum Beispiel gibt es schon seit Ende der Siebziger. Aber es gibt nur ein Gymnasium, das speziell für ADHS'ler gegründet wurde und nach einem besonderen Konzept arbeitet, das von Cordula Neuhaus an der damaligen sogenannten "Mini-Notschule" ausgearbeitet wurde.

Cordula Neuhaus hat nichts mehr mit dieser Schule zu tun (leider !), und das Konzept.... wichtige Elemente daraus werden nicht mehr umgesetzt, von anderen Dingen mal ganz abgesehen :-(

Mella hat gesagt…

Echt schade und ja, den Biegert kenne ich auch, war schon zwei mal in Wasserburg und jedes mal wieder absolut Klasse!

Schade, dass es sich bei Euch so negativ entwickelt hat. Das ist wohl immer die gefahr, wenn ein großer Träger dahinter steckt, sondern nur Elterninitiative, merke es am Förderverein. Kompliziert bis zum geht nicht mehr, dazu umständlich und blockiert sich oft genug selbst....
Schade, oder?

Uta Reimann-Höhn hat gesagt…

Toller Beitrag
Ohne auf die Entwicklung an den Schulen eingehen zu können (aus Unkenntnis) finde ich den Beitrag wirklich gut! Ausgewogen, informativ und ohne ideologische ADS-Brille. Vor 10 Jahren hat Frau Neuhaus das Vorwort zu meinem ADS Buch geschrieben - eine Pionierin der ersten Stunde. Ich verfolge die Entwicklung auch und kann mich nur anschließen. Es hat sich kaum etwas getan, das Thema wird immer mal wieder aus der Pädagogenkiste gezogen (gerne auch im Sommerloch), aber Hilfe für die Familien gibt es eigentlich immer noch nicht.
Ein Wort zu den Lerntherapeuten: Es gibt auch sehr gute ;-))
Uta Reimann-Höhn
www.lernfoerderung.de

Sylvia hat gesagt…

Danke, Frau Reimann-Höhn, für das Kompliment !

Ihr erwähntes Buch steht bei mir schon seit Jahren im Regal. Und selbstverständlich habe ich ausdrücklich die Schmalspurlerntherapeuten gemeint mit der Kritik. Es gibt auch gute und kompetente Lerntherapeuten, die im Idealfall die Verhaltenstherapie wunderbar ergänzen.