Mittwoch, 15. Oktober 2008

Ich bin ein Tierquäler !

Unsere Kaninchen leb(t)en relativ luxuriös, es gibt bestes Grünfutter, Gemüse, Obst, wenn Körner, dann die Mischung, die ihnen am besten schmeckt, sie haben ein ausreichend großes Freigehege, bekommen Zuspruch und waren – bis zum Sonntag – durchaus artgerecht untergebracht und glückliche Kaninchen. Zumindest dachte ich das bis gestern....

Fridolin war in den letzten drei Jahren im Winter immer wieder erkältet. Der Tierarzt hatte uns beim ersten Infekt empfohlen, die Karnickel bei zu kalten Temperaturen einige Zeit im Keller unterzubringen. Keller deshalb, weil der Übergang in eine beheizte Wohnung für Freilandtiere ein zu großer Temperaturunterschied wäre, und die „Kellerhaltung“ sollte natürlich auch nur so kurz wie möglich sein. Wir kauften damals den größten Käfig, den wir auftreiben konnten – die meisten Hundeboxen sind deutlich kleiner. Die Kaninchen konnten sich darin immerhin ganz aufrichten, herumrennen, und wir konnten ihnen den Käfig mit einem großen Karton und Spielzeug etwas gemütlicher machen. Bei gutem Wetter holten wir sie natürlich tagsüber ins Freigehege, wenn jemand Zeit hatte, durften sie auch im Keller herumrennen, auch mal längere Zeit unbeaufsichtigt, weil in diesem Raum keine Stromleitungen oder sonstige gefährliche Ecken sind. Aber selbst wenn wir das obere Gitter ganz wegmachten, blieben die Kaninchen fast immer in der Unterschale. So schrecklich kann es also nicht für sie sein.

Franzi ist schrecklich einsam. Ein Kaninchen sollte nicht alleine leben, daher standen wir vor der Frage, was wir tun sollten. Wenn wir die Kaninchenhaltung beenden wollten, müssten wir Franzi weggeben, zu jemanden, der schon Kaninchen hat. Das wollen wir dann doch nicht, man hängt ja an den Tieren. Also wurde beschlossen, dass wir ein oder zwei Kaninchen dazuholen. Zwei als Option, weil Franzis restliche Lebenserwartung nicht mehr so hoch ist und wir möglicherweise ganz schnell wieder vor dem heutigen Problem stehen können.

Gestern war ich mit meiner Tochter beim Arzt in der Kreisstadt, und wir waren viel schneller fertig als geplant. Prima, da schauten wir doch gleich beim Tierheim vorbei, das liegt auf der Strecke und hatte gerade offen.

Dieses Tierheim hat keinen besonders guten Ruf, daher findet man es auch nicht auf meiner Linkliste. Aber so ein Kaninchen ist ja viel leichter zu halten als ein Hund, da kann nicht so viel schief gehen, also war uns der Ruf egal. Franzi und Fridolin haben wir übrigens damals aus eben diesem Tierheim geholt.

Wir mussten über eine halbe Stunde Schlange stehen, weil die einzige Mitarbeiterin, die sich um Besucher kümmerte, heillos überfordert von den vielen Menschen war und vollkommen umständlich mit den Leuten vor uns herumquatschte. Ich beruhigte meine motzige Tochter, viele Tierschützer können einfach besser mit Tieren umgehen als mit Menschen, wir müssen die Mitarbeiter ja nicht adoptieren.

Als wir dann endlich unser Anliegen vorbringen konnten – Kaninchen gestorben, Kaninchenmann für Freilandhaltung (!!!) gesucht – wurde ich ganz barsch gefragt, wie die Kaninchen jetzt leben. Da machte ich den Fehler, die aktuelle Kellerhaltung zu erwähnen – aufgrund der Krankheit, siehe oben. Ich solle die Maße des Käfigs angeben.“ Ähm, ungefähr so wie Ihr Schreibtisch und hoch genug, dass....“ – „Das reicht mir nicht, nennen Sie die Maße!“ unterbracht der Feldwebel mich sofort. „Okay, 1,50 m mal 1,00 m“ – wenn sie ernsthaft glaubt, ich könne die Maße mal eben herzaubern, dann erzähle ich ihr halt was. „Dann geht das nicht, in so einen kleinen Käfig darf bei uns kein Kaninchen!“

Ich hätte viel Zeit gespart, wenn wir spätestens hier gegangen wären, aber nun hatten wir ja schon soooo lange in der Schlange gewartet und brauchen ja wirklich dringend einen Karnickelmann.

Der Feldwebel erbarmte sich und holte die „Karnickelspezialistin“, eine ältere Tierschützerin in Reinkultur. Sie führte uns in das völlig überfüllte Kaninchenzimmer und erfragte die Bedingungen für das neue Kaninchen. Offensichtlich konnte ich auch ihr nicht klarmachen, dass wir von einer ganzjährigen Freilandhaltung reden und dass Franzi momentan nur aus der Notsituation heraus im Käfig lebt - seit wenigen Tagen ! Wir werden sie wieder ins Freigehege setzen, wenn ihr neuer Partner gefunden ist und die Vergesellschaftung geklappt hat.

Nein, das was wir da machen, sei Tierquälerei, wurde mir vorgeworfen.

Okay, dann danke für das Gespräch, wir gehen.

Ach nein, sie habe da schon Kaninchen abzugeben, aber ich müsste bei dem einen Rammler noch eine Woche abwarten, bis die Karenzzeit aufgrund der Kastration abgelaufen sei, und dann zusagen, dass er nicht in einem Käfig gehalten wird.

Ich sagte schon, dass wir ein Außengehege mit Stall haben, oder ? Aber ich stand da als Tierquäler, mit dem die Tierschützerin eigentlich gar nicht redet.

Am besten aber wäre es, ich würde gleich zwei Babys nehmen, davon haben sie gerade so viele. Die sind aber nicht an Freilandhaltung gewöhnt und müssten daher über den Winter im Keller bleiben – aber nicht in einem Käfig. Wenn ich zusagen könnte, dass wir einen Kellerraum für die Kaninchen bereitstellen, würde sie sogar uns (den Tierquälern) die Kaninchen geben.

Erwähnte ich eigentlich, dass das Kaninchenzimmer des Tierheims überfüllt ist, dass dort einige Kaninchen in Käfigen sind, die deutlich kleiner sind als unsere, und dass die zwei Quadratmeter Platz pro Tier im Tierheim nicht einmal ansatzweise erfüllt werden ?

Ich erbat mir Bedenkzeit, und wir flüchteten aus dem Tierheim. Es wundert mich nicht wirklich, dass dort auch noch Hunde sind, die schon vor fünf Jahren dort lebten. Das entspricht dem Ruf des Tierheims, niemand kann die Tiere gut genug versorgen, da lässt man sie lieber bei den liebenden Tierschützern – beengt, aber geschützt vor Idioten wie uns.

Zeitgleich mit uns war übrigens eine ältere Dame mit dem identischen Problem dort, die ließen sie gar nicht ins Kaninchenzimmer, denn deren Kaninchen leben in einem 1,50 m breiten Käfig und dürfen nicht ganztags durch die Wohnung hoppeln. Die Frau wurde fast schon beschimpft und war ziemlich verzweifelt, was sie denn nun mit ihrem übrigen Kaninchen machen sollte, aber „Von UNS bekommen Sie kein Tier“ – so wurde sie rausgeschmissen.

Wir wurden aber gestern abend noch fündig, haben einen zumindest per mail und Telefon sehr netten und engagierten Hobbyzüchter gefunden, der mich ausführlichst beraten hat und verspricht, jederzeit auch nach dem Kauf für Fragen zur Verfügung zu stehen. Wenn sich auch vor Ort bestätigt, dass alles passt, kommt der Neuzugang morgen abend, wir freuen uns schon riesig !

Der letzte Witz dabei ist – dessen Kaninchen kosten deutlich weniger als die Schutzgebühr für einen Karnickel im Tierheim beträgt. Dafür ist dann der Stammbaum bekannt, und man weiß sicher, dass die Tiere nichts schlimmes erlebt haben und normalerweise nicht verhaltensgestört sind.










Kommentare:

Geertje hat gesagt…

Liebe Sylvia,

hier gehört es zwar nicht hin, aber ich weiß nicht, ob du weiter unten noch liest...

Es ist traurig und ich erinnere mich noch sehr gut an den Tod unserer Meerschweinchen, als ich ein Kind war. Aber es ist gut und war wohl wirklich höchste Zeit, dass die Erlösung kam!

Erschreckend, wie weit die Geschäftemacherei geht. Das kann man eigentlich gar nicht begreifen. Keine Ahnung, wie solche Typen sich selbst und den Kunden ins Gesicht schauen können. Die Patienten selbst haben ja leider keine Chance, sich zu wehren...

Ich hoffe, die Kinder können ihre Trauer bald verarbeiten.Das ist mir als Kind jedenfalls recht gut gelungen. Eine ordentliche Beerdigung war wichtig. Ich denke,der neue Bewohner wird dann auch noch einmal helfen.

Und diese Spinner vom Tierheim? Absurd! Völlig durchgeknallt. Haste nicht mal dezent-süffisant gefragt, wie die überhaupt dazu kommen, sich derart aufzuführen, während sie selbst so schräge Verhältnisse bieten? Ich meine, auch wenn die Zwängen unterworfen sind, das ist doch nicht normal! Einen eigenen Raum für zwei Kaninchen? Bei aller Tierliebe, aber da hakt doch wohl was aus?

Ich werde mich jetzt mal beim Jugendamt selbst anzeigen, weil meine Kinder prozentual garantiert zu wenig Platz haben. *g*

Liebe Grüße in den Süden,
Geertje

Sylvia hat gesagt…

Hallo Geertje *freu*,

danke, die Kinder sind inzwischen weitgehend darüber hinweggekommen. Ich bin ja eher nüchtern und hätte eine Leichenentsorgung beim Tierarzt vorgezogen, aber auf Wunsch der Restfamilie wurde Fridolin auf unserem Wochenendgrundstück beerdigt - in einem Karton, darauf noch ein von den Kindern gebasteltes Herzchen. Die Mädchen wollten das tote Tier nicht mehr anschauen, bei Junior hat die wissenschaftliche Neugier gesiegt *g*.

Ich glaube, für Kinderzimmer gibt es eine vorgeschriebene Mindestgröße von acht Quadratmetern, wobei dort auch zwei Kinder wohnen dürfen. Also gerade mal doppelt so viel Platz pro Kind wie für EINEN Karnickel.... Ich schätze, Hardcore-Tierschützer hätten auch nichts gegen Käfighaltung von Kindern *läster* !

Ich denke an euch, liebe Grüße,
Sylvia