Vor einigen Jahren lebten wir in einem kleinen Mehrfamilienhaus. Wir hatten zwei Töchter, eine ging in den Kindergarten, eine war noch ein Kleinkind, konnte gerade so einigermaßen laufen.
Neben uns lebte ein ungefähr gleichaltriger Mann. Die Wohnung gehörte seinem Vater, er war von Beruf „toll“, formal selbständig, ziemlich arrogant und affig. Wir kamen meistens trotzdem miteinander aus, denn wir arrangierten uns: Er, der rücksichtslose Berufssohn, hörte gerne spät in der Nacht, auch weit nach Mitternacht, sehr laut Musik. Da aber lediglich unsere Wohnzimmer Wand an Wand lagen, störte uns das nicht sehr, denn unsere Schlafzimmer lagen am ganz anderen Ende des Hauses. Er revanchierte sich damit, dass er sich nicht über die Straßenkreidezeichnungen unserer Kinder beschwerte, obwohl er nach eigener Aussage Kinder nicht mochte.
Der Mann hatte eine Freundin, Inhaberin eines Solariums. Ein Prototyp der Solariumstussi, braungegrillt, stark geschminkt und nicht gerade sehr helle. Die beiden passten also recht gut zusammen. Die Freundin wohnte nicht bei ihm, kam aber täglich vorbei.
Ein kleines Problem war das Treppenhaus: Theoretisch musste man dieses jede Woche putzen, für unser Stockwerk waren wir beide im Wechsel verantwortlich. Er aber putzte nie, wirklich nie. Nun bin ich nicht so pingelig, ich konnte warten, aaaber die schwäbischen Mitbewohner hatten es nicht so gerne, wenn nicht alles blitzblank war. Leider sahen sie die Sache auch so: Er, der Manager (von was auch immer), und alleine lebende Mann, war entschuldigt – viel beschäftigte Männer haben natürlich keinen Blick für ein schmutziges Treppenhaus. Ich dagegen, die Hausfrau, deren Teilzeitselbständigkeit nicht zählte, ich sollte doch ein Einsehen haben, mit dem armen Mann und mit dem Schmutz.
Schwierig war die Sache mit den Hunden. Hundehaltung war in unserem Haus verboten. Die Freundin des Nachbarn aber brachte jeden Morgen ihre zwei Hunde in dessen Wohnung. Vorher ließ sie die beiden auf die große Wiese neben dem Haus, natürlich entfernte sie die Hinterlassenschaften nicht, die Kinder des Wohngebiets brachten ständig Hundekacke an den Schuhsohlen heim. Die Hunde verteilten Erde und Haare in unserem Treppenhaus, und sie waren grundsätzlich nicht angeleint. In der Mittagspause kam die Dame wieder, ließ sie auf die Wiese und sperrte sie dann wieder in die Wohnung. Abends wurden die Hunde meistens abgeholt, vorher – genau – ließ man sie auf die Wiese.
Meine andere Nachbarin unter uns hatte eine Hundephobie, und zwar so schlimm, dass sie regelmäßig schweißgebadet im Auto wartete, bis die Sonnenstudiotussi mit den Hunden entweder in der Wohnung oder wieder in ihrem Auto war. Alle Appelle an den Nachbarn, dass die Hunde wenigstens an die Leine gehörten, übrigens auch auf der Wiese, es war ein Wohngebiet mit Leinenpflicht, wurden ignoriert.
Und dann geschah, was abzusehen war: Eines Morgens verließ ich mit meinen zwei kleinen Mädchen das Haus, und gleichzeitig ließ die Nachbarsfreundin die Hunde laufen. Diese freuten sich über so nette Kinder und rannten stürmisch auf uns zu. Zur Orientierung: Es waren mittelgroße Hunde, deren Gesicht war genau auf der Gesichtshöhe meiner älteren Tochter. Meine jüngere Tochter erschrak, machte einen Schritt rückwärts, stolperte und stürzte. Einer der Hunde erreichte uns genau in dem Moment, er stellte sich über meine gestürzte Tochter und leckte ihr das Gesicht ab.
Alles ging sehr schnell, ich war ziemlich damit beschäftigt, zwei Kinder, eines davon logischerweise in heller Panik, zu sortieren und gleichzeitig der blöden Kuh zuzurufen, dass sie mal ihre Köter einsammeln solle. Denn die Dame schlenderte nach wie vor gemütlich Richtung Haus und reagierte gar nicht.
Meine Tochter hat von diesem Vorfall eine schlimme Hundephobie davongetragen. Wir brauchten ungefähr zwei Jahre, bis sie wieder bei Hundebegegnungen ganz normal reagieren konnte und nicht schreiend den Gehweg wechseln wollte. Daher bin ich sehr empfindlich, wenn rücksichtslose Hundehalter ihre Hunde innerorts und bei Begegnungen mit anderen Menschen nicht anleinen, und ich bekomme einen dicken Hals wenn ich beobachte, wie gewisse Leute ihre Köter auf den Gehweg kacken lassen und natürlich nichts entfernen.
Schnitt.
Letzte Woche musste ich bei einem Kunden einen Mahnbescheid beantragen. Mitleid ist nicht nötig, dieser Kunde reagiert auf keinerlei Gesprächsangebot, tritt aber ständig sehr dominant und fordernd auf, beschwert sich über die unmöglichsten Sachen, zieht seine Mieter übel über den Tisch, kommt aber seinen eigenen Zahlungsverpflichtungen nicht nach.
Auf der Suche nach der korrekten Adresse des zuständigen Amtsgerichts entdeckte ich im Internet die aktuellen Versteigerungstermine für Immobilien. Unter anderem wird ein relativ neues Doppelhaus versteigert, das als Besonderheit einen Anbau für die gewerbliche Nutzung hat. Natürlich war meine Neugier geweckt, und als wir mit den Hunden in der Gegend waren, gingen wir noch ein Stück weiter in das Wohngebiet und schauten uns das Haus an.
Sagen wir mal so: für den geradezu lächerlichen Preis, zu dem man es eventuell ersteigern könnte, ist es vielleicht interessant. Also nur theoretisch.
Nun bin ich von Natur aus neugierig und fand recht schnell heraus, wer denn in dem Haus wohnt. Und wie der gewerbliche Anbau genutzt wird. Hier schließt sich der Kreis: Der Anbau ist ein Sonnenstudio, das Haus gehört der blöden Solariumstussi des ehemaligen Nachbarn.
Ich weiß nun gar nicht so recht, wie ich darüber denke. Grundsätzlich habe ich Mitleid mit Menschen, die ihr Haus zwangsversteigern lassen müssen. Andererseits gibt es einige Fälle, bei denen eine gewisse Hochmut zu dieser Situation geführt hat. Bei der Exnachbarsfreundin trifft es nur sie alleine, keine Familie wird obdachlos. Wer die Preise dort im Neubaugebiet kennt wundert sich nur, wie für diese Dame überhaupt der Bau eines Hauses möglich war.
Mein Mann ist gemein, er meinte, eigentlich sollten wir Interesse bekunden und um einen Besichtigungstermin bitten. Aber das wäre mir dann doch zu blöd, auf diese Weise möchte ich der Frau nun auch wieder nicht begegnen. Aber so ein kleines bisschen habe ich ein Gefühl von „geschieht ihr gerade recht, dieser eingebildeten, rücksichtslosen Tussi.“
Mett-Pizza
Vor 57 Minuten
